Stationäre Schmerztherapie


Sie begann etwas turbolent. Ich bin Sonntag am späten Abend aus dem Flieger in Düsseldorf raus, habe das wichtigste in den vorbereiteten Koffer gepackt, Sportschlafen gemacht und am Montagmorgen totmüde ins Krankenhaus.

In meinem Heimat-Krankenhaus ist die Schmerztherapie über zwölf Tage stationär. Selbst wenn man aus dem Ort ist. Man soll die Zeit auf der Station verbringen, um den Alltag zu durchbrechen, zur Ruhe zu kommen und auch wegen der Gemeinschaft, die sich dort bilden soll.

In der Regel nehmen sechs Personen an der Schmerztherapie teil, alle mit verschiedenen Vorgeschichten und Krankheitsbildern. Sie sind in Zwei-Bett-Zimmern untergebracht, die von der Ausstattung Privatzimmern ähneln, ebenso wie die Verkostung. Es gibt auf der Station einen Aufenthaltsraum, der nur für die Schmerztherapie ist. Dort werden die Mahlzeiten eingenommen, die Vorträge werden dort gehalten und die Entspannungsübungen werden dort durchgeführt. Es steht immer Wasser, Kaffee, Tee und Obst zur freien Verfügung. Unter anderem wird man während der Therapie auf neue Medikamente eingestellt oder von den Medikamenten her umgesellt.

Der Therapieplan sieht Muskelaufbau, Physiotherapie, Aromatherapie, Musiktherapie, psychologische Gespräche, Visiten und gemeinschaftliches Nordic Walken vor. Diese Laufgruppe ist in unserem Ort übrigens schon legendär. 🙂 Der Zeitplan ist stramm und lässt nur wenig Pausen zu.

Das Essen ist halt typisch Krankenhaus. Hier hat es mit meiner Verpflegung überhaupt nicht gut geklappt. Ich war natürlich von der Reha verwöhnt. Aber hier kümmerte sich gar keiner um mich. Es rief keiner an, keiner kam auf die Station für ein persönliches Gespräch, nichts. So kam es wie es kommen musste. Die ersten zwei Tage klappte gar nichts. Es kam das falsche Essen, das Brot war hart wie Stein (sie haben das gf-freie Brot abens zum auftauen raus genommen, in einer spezial Tüte auftauen lassen und am nächsten Tag konnte ich die Diätassistentin damit erschlagen), die Portionen zu klein (sie ließen das Unverträgliche weg, aber es kamen keine Kartoffeln/ Gemüse extra auf den Teller) oder es war nichts passendes im täglichen Plan dabei. Als ich dann mit der Dame sprechen wollte, kam diese nur wiederstrebend aufs Zimmer und kicherte wie ein Teenager, wenn ich mit ihr sprach. Am Ende kam dann raus, sie würden schon auf mein Essen aufpassen. Mein Brot ließ ich mir bringen und nachher auch meinen Nachtisch, den der Hauseigene war so süß, das es schon beim zuschauen an den Zähnen weh tat. Zum Glück hatten wir jemanden bei der Therapie, mit einer großzügigen Familie. Der junge Mann war/ ist türkischstämmig und seine Familie versorgte in mit allem, was sie für nötig hielten. Es war immer viel zu viel. Gelobt sei das leckere Köfte, auch wenn es nicht glutenfrei und milchfrei war, aber es hat mich einen Abend und Mittag gerettet.

Die anderen Therapien war sehr gut. Das Aufbautraining gut abgestimmt, die Physiotherapie hat richtig was gebracht, vor allem meine verkürzte Brustmuskulatur wurde ausmassiert und gedehnt. Das eine Mal knackte mein Rücken so vernehmlich, das der Therapeut stolz war, auf seine lockernde Massage. Das Kinesiologie-Tape hat mir viele Schmerzen genommen und mir beim aufrichten meiner Schultern und Rücken geholfen. Das Nordic Walken gestaltete sich etwas schwierig, da ich doch recht fit und flott bin und manchmal etwas unterfordert war. Aber es hat trotzdem was gebracht und lustig war es auch.

Die Aromatherapie bestand aus einer Wohlfühlmassage der Arme, Hände, Beine und Füße, mit einem auf mich abgestimmten Aromaöl. Es war mal was anderes und es tat sehr gut, die Erholung und Entspannung genießen zu können.

Etwas das ich gar nicht kannte, war die Musiktherapie. Meine Schmerzen werden in Töne „umgewandelt“ (z. B. dumpf, stechend, mit depressiver Grundstimmung), die zu einer Schmerzmusik zusammengestellt/ komponiert wurde. Dann wird eine Heilungsmusik komponiert. Ich sollte mir eine Szene vorstellen, die mir sehr viel Freude macht, in meinem Fall war es ein Ausritt in den Wald, mit Vogelgezwischer, Wind in den Bäumen, leichter fröhlicher Musik und ein in Musik gefasster schneller Galopp aus Trommeln und zum Ende wieder ruhigere Musik, wenn man wieder am Stall ankommt und zur Ruhe kommt. Ziel der Therapie ist es die Schmerzen mit der Schmerzmusik im Kopf zu verbinden und später die Schmerzen mit Hilfe der Lautstärke zu regulieren. Die Heilungsmusik soll bei der Entspannung helfen und die guten Gefühle wieder in den Vordergrund stellen. Es braucht ein wenig Zeit um die Verknüpfung im Kopf her zu stellen, aber es hilft. Es soll schon vorgekommen sein, das jemand in der Therapiestunde Rotz und Wasser geheult hat. Viel weiter entfernt, war ich auch nicht.

Das Gespräch mit der Psychologin hat mich lange beschäftigt. Ich hatte schon ein Gespräch während der Reha, aber es hat mir nicht viel gebracht. Ich weiß, das ich ein Mensch bin, mit einem hohen Verantwortungsbewußtsein. Genau dieses steht mir immer wieder im Wege und hindert mich daran, mich auch mal krank zu melden oder einfach nur mal ich zu sein. In der Reha zeichnete es sich schon ab, das ich mit meiner Situation in meinem Job nicht zufrieden bin und es mich sehr stark belastet. Auch wurde eine leichte Depression festgestellt. Die Psychologin riet mir dazu, einfach mal an mich zu denken, alles andere zurück zu stellen und einfach mal ich zu sein. Nicht jedes Mal ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich was für mich selber mache, sondern mir zu sagen: ICH DARF DAS!! Ich darf krank sein. Ich darf, den Vormittag vertrödeln. Ich darf… Es wurde uns ein Stundenplan ausgehändigt, um für die Zeit nach der Therapie, unseren Alltag zu planen, wo Zeit für Sport ist oder für Entspannung. Als ich meinen ausfüllte, erschreckte es mich, wie viel rot für Arbeit darauf eingezeichnet war/ ist und wie viel Zeit für mich blieb. Es war ein regelrechter Schock für mich und beim nächsten Gespräch mit der Psychologin, steigte ich ihr meinen Plan und hatte die ganze Zeit Tränen in Augen.

 Die Sache mit den Medikamenten ging voll in die Hose. Für die Schmerztherapie wird das Antidepressivum Amitriptylin verwendet. In niedriger Dosierung eingesetzt, um den Schlaf zu fördern, die Schmerzen zu beseitigen, die Entspannung herbeizuführen und natürlich zum Happy werden. In dem Sinne waren die Tropfen ein voller Erfolg. Die ersten zwei Tage bekam ich fünf Tropfen. Mein Freund, der mich abends besuchte, sagte: Man könne mir beim Augen verdrehen und einschlafen zusehen. Leider schlug mir das Medikament auf den Blutdruck und mir war ständig schwindelig. Nach langem zögern, wurden die Tropfen bis auf drei reduziert. Aber selbst damit hatte ich noch ein riesige Probleme. Den einen Sonntag haben meine Zimmergenossin und ich so komatös geschlafen, das wir nicht mitbekamen, wie der Pfleger, mit riesem Radau, das Zimmer betrat um uns zu wecken. Da ich aber nicht alles sofort verfluchen wollte, habe ich mit den Tropfen weiter gemacht und nach einer Woche besserte sich alles etwas, außer der komatöse Schlaf.

Fazit: Im großen und ganzen war die Schmerztherapie ein großer Erfolg. Vor allem die Physiotherapie hat mir sehr viel gebracht, zusammen mit der Musiktherapie und der vielen Bewegung.

Durch das Gespräch mit der Psychologin sind mir die Augen geöffnet worden, das ich mir auf Dauer einen anderen Job suchen muss. Was leichter gesagt ist, als getan. Vorallem wenn man Gesundheitlich eingeschränkt ist.

Im nachhinein war die medikamentöse Behandlung ein großer Fehler. Das wurde mir aber erst ca. drei Wochen später bewusst, als ich schon lange wieder zu Hause war. Aber dazu ein andermal mehr.

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